Wilster besitzt zwei Rathäuser, das alte und das neue. Das alte Rathaus, 1585 erbaut, wird seit 150 Jahren hauptsächlich als Baudenkmal gepflegt, während das neue als Gebäude für die Stadtverwaltung dient. Das heutige alte Rathaus ist aber nicht das erste oder älteste Rathaus der Stadt Wilster gewesen. Bauspuren sind nicht mehr vorhanden, nur in den ältesten Schriften erfahren wir von einem noch früheren Vorgänger. Es dürfte nach 1282, als das frühere Dorf Wilster die Stadtgerechtigkeit erhielt, als Verwaltungsgebäude für die junge Marschenstadt erbaut worden sein. Seinen Platz hatte dieses Gebäude auf der Straßenecke, wo die lange Deichstraße und die Straße „Op de Göten" zusammentreffen, wie noch heute. An dieser Ecke stand auch der Schandpfahl oder Kaaks für die Bestraften.

Der Straßenname „Deichstraße" ist leicht zu erklären. Es war die Straße, die sich an der Innenseite eines Deiches entlangzog. In dem unteren Ende hatte diese Straße den Namen Landrecht, wie noch heute. Die Straße hatte den „Burggraben" (Bürgergraben) überquert, der das Gebiet des Lübischen Rechtes für die Stadtbewohner von dem Gebiet mit dem alten Landrecht für die Landbewohner trennte. Die Deichstraße ging also, wie später auch, durch zwei Gebiete mit verschiedenem Recht. Das erste Rathaus lag natürlich im Lübischen Recht. Von der Deichstraße trennte sich auf der Ecke die Straße „Op de Göten" ab. Sie führte über die Au (Wilsterau) früher als „Furt", später dann als Brücke, zum südlich gelegenen Stadtteil „Neue Seite", während der Teil um die Kirche und das damals erbaute Rathaus auf der „Alten Seite" lagen. Die Straße „Op de Göten" fällt noch heute durch ihre Breite auf. Diese Straße vor dem Rathaus diente als Marktplatz. Bei der Kirche konnte der Markt nicht gehalten werden. Dort war der Friedhof, ferner auch der Versammlungsplatz der Dorfbewohner aus dem Landrecht, der Platz war nicht Eigenturn der Stadt, sondern des Amtes Steinburg. Auf diesem Platz dürfte auch schon in der Vorstadtzeit, also vor 1282, ein Markt stattgefunden haben. Denn schon in der „Dorfzeit" von Wilster, vor 1282, hatten die Leute aus der Wilstermarsch einen „Stapelplatz" in Hamburg, wo die Waren aus der Marsch den Hamburgern angeboten werden mussten. Danach hat also schon das Dorf Wilster vor 1282 Schifffahrt betrieben.

Das erste Rathaus nach 1282 können wir uns nur klein und beengt vorstellen. Der Bürgermeister mit dem gelehrten Stadtschreiber und die gewählten Senatoren hatten in der Hauptsache dieselben Arbeiten zu verrichten wie in späteren Jahrhunderten, als 1585 das zweite Rathaus erbaut wurde. Der Bürgermeister mit seinen Ratsherren hatte für Ruhe und Ordnung zu sorgen, Übeltäter mussten an Leib und Leben bestraft werden, peinliche Verhöre, Hinrichtungen durch den Scharfrichter mussten auf der Gerichtsstätte getätigt werden. Wie später diente der Rathauskeller als Raum für peinliche Verhöre mit den fürchterlichen Torturen, in der Gerichtsstube fanden die langen Verhöre der Zeugen statt. In der Kämmereistube mussten die Steuern, die Stadtabgaben, gezahlt werden. Es dürfte auch schon das erste wilstersche Rathaus einen Raum für die Ratswaage besessen haben, um das Gewicht der zu verzollenden Waren festzustellen. Sollte nach einem Vergehen, besonders bei Butterfälschungen, die Wahrheit festgestellt werden, dann wurde die Wasserprobe durchgeführt. Bis nach der Wilsterau war es ja nicht weit. Und schließlich dürfte auch bei dem ersten Rathaus nicht die Gaststube für die Handwerksburschen, für die einheimischen Burschen und Männer, gefehlt haben, wo sich bei Bier und anderen Alkoholika die Gemüter erregten  und wo es dann zu manchen „blodigen Schlägen", wie es das älteste Ratsbuch erkennen lässt). Doch nach einigen Jahunderten genügte dieses erste wilstersche Rathaus den Ansprüchen nicht mehr. 

1492 entdeckte Kolumbus Amerika. Das wirkte sich bis in die kleine Marschenstadt Wilster aus. Durch die kleine Wilsterau, durch die Stör und die Elbe hatte Wilster einen vorzüglichen Wasserhandelsweg. Hatten die wilsterschen Handelsleute elbabwärts die Elbmündung erreicht, dann konnten sie nach Norwegen, nach England und Schottland und südwärts ihre Schiffe bis nach Andalusien und Italien schiffen, Waren hin und her transportieren. Auch für Wilster war nach 1500 durch den ausgedehnten Handel das "goldene Jahrhundert" angebrochen. Das „Rechenbuch" oder „Handelsbuch" des Ritters Heinrich Rantzau auf Krummendiek zeigt den Handel der Stadt Wilster in den Jahrzehnten vor 1500. Es war der Vater von Johann Rantzau und Großvater des berühmten Heinrich Rantzau auf Breitenburg. Die Marschenstadt Wilster stand danach mit ihren Schiffen an vierter Stelle im Lande Schleswig‑Holstein. Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts hatten die wilsterschen Schiffer einen reichen Auftraggeber: Den eben erwähnten Schlossherrn auf Breitenburg, Heinrich Rantzau, der auch Arntmann auf Segeberg und Statthalter der beiden Herzogtümer Schleswig und Holstein war.Seine Briefe, die er mit dem Herzog Ferdinand von Toscana wechselte, künden von diesem Handel zwischen Holstein und Italien. Als der junge Heinrich Rantzau mehrere Jahre am Hofe des Kaisers Karl V. in Innsbruck weilte, lernte er auch später zu hohen Würden emporsteigende Herren kennen. Es waren Herzöge und Kardinäle, an die er Briefe und Sekretäre und Freunde schickte. Peter Lindeberg, sein Freund und Vertrauter, und sein Sekretär Fabricius wurden in Rom und Florenz freundlich empfangen und mit reichen Geschenken für Heinrich Rantzau wieder entlassen. Der Statthalter der Herzogtümer im Norden erhielt köstliche Vasen von einem hohen italienischen Würdenträger als Geschenk, von dem Florenzer Herzog einen glänzenden Alabastertisch. Die Schiffe brachten weiter Marmorblöcke in den Norden, aus denen die Statuen für die Kirchen, für die Figuren der Planeten und Hemmelszeichen für die Gärten gemeißelt wurden. 1592 bietet Heinrich Rantzau den Medicär ein schneeweißes Reitpferd, einen Prachthut mit ausländischem Pelzwerk und ein Buch über die Genealogien des sächsischen Adels als Geschenk an. Als Gegengabe erbittet er sich Marmorblöcke, die die Schiffe von Wilster als Fracht mit zurückbringen können. Für den Handel mit dem Norden hatte der Florenzer Herzog einen besonderen Agenten. Er hieß Dominus Himenius. Durch diesen lässt der Herzog an den Amtmann und Statthalter übermitteln: Und wenn (außer Marmorblöcken) etwas anderes in unserem Lande sein wird, was Du haben willst, so lass es mich wissen, denn es wird uns zum Vergnügen gereichen, Deiner Erwartung zu entsprechen. Wenn Du von hier Marmorbildwerke, Gemälde oder ähnliche Gegenstände aus Marmor haben willst, so schreibe darüber kühn und sorglos. Als der Herzog das Buch über den sächsischen Adel ablehnt, schickt ihm Heinrich Rantzau zwei Holsteiner Reitpferde, den Pelzhut, ein Porträt des dänischen Königs und ein Fass Braunschweiger Bier, das man in Deutschland „für eine Wonne hält". Mit Korn, Pelzwerk und Holz beladen fahren die Schiffe aus unserer Heimat südwärts. Mit Waren aus Italien, Spanien und Portugal, wohin diese aus Indien kamen, kehren sie zurück. 

Es können hier nur Streiflichter aus diesem Abschnitt unserer Heimatgeschichte gebracht werden. Aber es dürfte doch bemerkenswert sein, dass der Statthalter und Breitenburger Schloßherr Heinrich Rantzau nicht nur billig Holz für die beiden neuen, stattlichen Rathäuser in Krempe (1570) und Wilster (1585) aus den Wäldern des Rendsburger Amtes besorgte, den Wilsteranern außerdem aus eigener Kasse größere Geldsummen für den Bau vorschoss, sondern ihren Schiffen auch Frachtgut und Einnahmen für die weiten Seefahrten verschaffte. Diese „goldene Zeit" mit den hohen Einnahmen aus dem Handel und den Schifffahrten ermöglichte es also, dass die Wilsteraner ihr erstes Rathaus abbrachen und 1585 jenseits der Wilsterau das zweite Rathaus erbauten. Leider sind keine Akten über die Handwerker vorhanden bis auf eine Nachricht, die einen vermuten lässt, der am zweiten Rathaus mitgearbeitet haben könnte. Aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts besitzt Hamburg zwei Stadtpläne mit bildlichen Darstellungen, gezeichnet von Braun und Hogenberg (1574‑1578) und von Daniel Frese (1587). Daniel Frese muss ein sehr rühriger und begehrter Meister gewesen sein. Wir treffen ihn in den achtziger Jahren in den verschiedensten Städten. Die Lüneburger Ratsherren übertrugen ihm z. B. Malerarbeiten in ihrem Rathause. Der Salzhandel führte die Wilsterschen Kaufleute oft nach Lüneburg. Durch diese Kaufleute hat Daniel Frese vielleicht von dem Bau der beiden stattlichen Rathäuser in Krempe und Wilster erfahren. Vielleicht stand er als bekannter Hamburg Maler auch mit dem Herrn Rantzau auf Breitenburg in Verbindung, der durch Fürsprache bei dem dänischen König nicht nur billiges Bauholz vermittelte, sondern auch selbst größere Summen als Baudarlehen nach Wilster gab. Nach Mitteilungen aus dem wilsterschen Brüchbuch (Strafbuch) hat Daniel Frese mit den Krempern Streitigkeiten gehabt. Das wird ihm von den Wilsteranern vorgehalten. In Wilster wird er in den Jahren erwähnt, als das Rathaus errichtet wird. Man kann darum annehmen, dass er in diesem prächtigen Bau Malerarbeiten durchgeführt hat. 

Dieses Rathaus erhielt übrigens ein kleines Nebengebäude, was man bei anderen Rathäusern aus dieser Zeit nicht findet. Betrachten wir die Straßenseite des Rathauses. Wir erkennen deutlich, dass sie bis auf zwei Ausnahmen nur gerade Linien zeigt, senkrecht, waagerecht, schräg. Nur die Eingangstür im Erdgeschoß hat als Abschluss einen kreisförmigen Bogen, die Uhr im Dachgiebel hat als Rand einen Kreis. Das Erdgeschoß links und rechts der Eingangstür ist verschieden hoch, links zwei Etagen, rechts nur eine. Dadurch haben die Fenster eine dreifach verschiedene Höhe, sie sind aber alle dreiflügelig. Balkenwerk fehlt in dem Erdgeschoß. Das Mauerwerk im untersten Geschoß ist massiv. Ganz anders gestaltet ist das obere Stockwerk. Es ist ein regelmäßiges Balkenfachwerk, das runenförmige Gestalten zeigt. Auch der Giebel mit der Uhr zeigt Balkenfachwerk. Dieses Fachwerk und die geradlinige Fensterumrahmung lässt diesen alten Bau als ein Werk der Renaissance erkennen. Dieser Eindruck verstärkt sich im Innern des Gebäudes durch die prachtvolle „Rathuustür" und die Deckenbemalung. Die rückwärtsliegende Langfläche des Rathauses zeigt eine andere, einfachere Gestaltung. Treten wir durch die Vordertür, dann befinden wir uns in einem großen Raum, der ein Lagerraum mit der Ratswaage war. Die Decke besteht aus sehr starken Balken mit darüberliegenden Brettern. Balken und Belag zeigen eine großförmige Bemalung, die noch aus der Erbauungszeit stammen dürfte. Bemerkenswert ist das Bild des verlorenen Sohnes. Das Bild wird von Kennern in die Jahrzehnte nach 1600 datiert. Es zeigt deutlich den Rembrandtstil. (Von 1648 bis 1657 arbeitete auf Schloss Breitenburg der Rembrandtschüler Franz Wulfhagen als Schlossmaler bei dem Reichsgrafen Christian zu Rantzau. Vielleicht ist von diesem Maler das Bild mit dem verlorenen Sohn gemalt.) Die Hintertür des Rathauses zeigt eine üppige Barockschnitzerei. Neben diesem Raum war ursprünglich die Rathausgaststube. In diesen ist inzwischen die Rademannsche Stube eingebaut worden. Die fehlenden Fliesen, blau‑weiß, sind durch neue ersetzt worden, so dass die Fliesenwände verschiedene Bilder zeigen.



Die beiden Innenwände zeigen sehenswerte Barockschnitzereien. Auf einer Treppe gelangen wir in die Kämmereistube, die heute von der Gilde zu ihren Zusammenkünften benutzt wird und darum mit Gildesachen bestellt ist. Dieser Raum hat als Bodenbelag farbige Fliesen. An den Wänden lesen wir in plattdeutscher Sprache die Bursprake, die wir heute als Stadtverfassung bezeichnen. Die Decke zeigt wieder die sehr starken Balken. Die darunter liegende Gaststube und die Kämmereistube zusammen erreichen nur die Höhe des Raumes, in der früher die Waage gestanden hat. Eine Treppe führt von der Kämmereistube nach oben in das zweite Stockwerk, das auch zwei Räume hat. Der kleinere Raum hat bis etwa 1830 als Gerichtszimmer gedient, in diesem Raum versammelten sich die Ratsherren, die als Richter fungierten. Der größere Raum stand bereit für Kläger, Beklagte und für die vorgeladenen Zeugen. In diesen Räumen ist heute die Doosesche Bibliothek untergebracht.

Als die Etatsrätin Doos der Stadt ihr Haus übereignete, das nach ihrem Tod 1829 von der Verwaltung bezogen wurde, blieb das alte Rathaus als sehenswertes, viel bewundertes Baudenkmal bestehen. Häufig renoviert ‑ aber ganz im ursprünglichen Stil erhalten.

 

OTTO NEUMANN

 

Quelle: 700 Jahre Stadt Wilster – Jutta Kürtz